Tattwas und Koshas
Der Mensch besteht nicht nur aus dem sichtbaren physischen Körper. In der vedischen Sichtweise besitzt er fünf Hüllen oder Schichten des Seins, die als Pancha Koshas bezeichnet werden. Diese fünf Koshas kann man als feinstoffliche Ebenen verstehen, die Körper, Geist, Lebensenergie, Wissen und göttliche Erfahrung miteinander verbinden.
Jede dieser Koshas steht in Beziehung zu einer bestimmten Tattwa. Die fünf Tattwas sind die grundlegenden Prinzipien der Schöpfung. Alles, was im Universum existiert, ist aus ihnen hervorgegangen.
Was sind Tattwas?
Tattwas sind keine grobe Materie, sondern die Prinzipien, nach denen Materie entsteht. Man kann sie sich wie unsichtbare Baupläne oder Urmuster der Schöpfung vorstellen.
Zum Beispiel ist Agni Tattwa nicht einfach das Feuer, das wir mit den Augen sehen oder mit der Haut spüren. Agni Tattwa ist vielmehr das schöpferische Prinzip des Feuers, also die Idee, das Muster oder die Kraft hinter dem Feuer. Das tatsächlich sichtbare Feuer in seiner materiellen Form gehört bereits zur Ebene der Bhutas, also der manifestierten Elemente.
Die Tattwas sind also die feinen Ursachen, während die Bhutas ihre grobstoffliche Erscheinung sind.
Die drei Gunas
Neben den fünf Tattwas gibt es drei grundlegende Qualitäten der Natur, die als Gunas bezeichnet werden. Diese drei Gunas wirken in allem, was existiert:
- Rajas – die Kraft der Schöpfung, Bewegung und Aktivität
- Sattwa – die Kraft des Erhalts, der Klarheit und des Gleichgewichts
- Tamas – die Kraft der Auflösung, Schwere und Zerstörung
Die Gunas nutzen die fünf Tattwas als Grundlage für alle Prozesse im Universum. Alles, was entsteht, erhalten wird und vergeht, geschieht durch das Zusammenspiel von Gunas und Tattwas.
Auch der Mensch ist ein Abbild dieses kosmischen Prinzips. Unser Körper, unser Geist und unsere inneren feinstofflichen Ebenen bestehen ebenfalls aus den fünf Tattwas. Der Mikrokosmos im Menschen entspricht dem Makrokosmos der Welt und des Universums.
Deshalb tragen auch wir dieselben Kräfte in uns, die wir in den Grahas, also den Planetenkräften, erkennen. Die Grahas erschaffen diese Kräfte nicht, sondern zeigen an, wie sich Gunas und Tattwas im Leben eines Menschen verändern und ausdrücken.
Die fünf Koshas verbinden den Menschen mit der göttlichen Ordnung. Sie verbinden Körper, Geist und Seele mit Gott und mit den höheren Kräften der Schöpfung.
Die fünf Koshas und ihre Bedeutung im Dschjotisch
Jede der fünf Koshas steht mit bestimmten Bereichen des Lebens und mit bestimmten Varga-Karten im Dschjotisch in Verbindung. Dadurch wird verständlich, dass nicht jede Teilkarte dieselbe Ebene des Daseins beschreibt. Manche zeigen eher den physischen Bereich, andere den mentalen, karmischen oder spirituellen Bereich.
Annamaya Kosha – die Hülle des physischen Körpers
Die Annamaya Kosha ist die körperliche Hülle. Das Wort Anna bedeutet Nahrung. Dieser Körper wird durch Nahrung erhalten und genährt. Wir essen, um Prana aufzunehmen und das physische Leben aufrechtzuerhalten.
Diese Kosha beschreibt alles, was mit dem sichtbaren, materiellen und verkörperten Leben zu tun hat. Dazu gehören Gesundheit, Körper, Familie, äußere Lebensbedingungen und die grundlegende Verkörperung des Karmas.
Mit der Annamaya Kosha werden folgende Vargas verbunden:
- Rashi (D1)
- Hora (D2)
- Drekkana (D3)
- Chaturthamsha (D4)
- Saptamsha (D7)
- Navamsha (D9)
- Dashamsha (D10)
- Dwadashamsha (D12)
Diese Vargas zeigen die physische und konkrete Seite des Lebens. In der Annamaya Kosha ist die verkörperte Karma-Struktur des Menschen sichtbar. Hier zeigt sich das Karma, das sich im jetzigen Leben durch Körper, Familie, Beruf, Pflichten und konkrete Erfahrungen ausdrückt.
Manomaya Kosha – die Hülle des Geistes und der Mentalität
Die Manomaya Kosha ist die mentale Hülle. Sie betrifft den Geist, das Denken, die innere Verarbeitung von Erfahrungen, die emotionale Reaktion und die psychische Struktur eines Menschen.
Diese Ebene bestimmt, wie wir die Welt wahrnehmen, wie wir auf Ereignisse reagieren und wie sich innere Stabilität oder Unruhe entwickelt. Sie ist eng mit dem Manas, also dem denkenden und reagierenden Geist, verbunden.
Zur Manomaya Kosha gehören folgende Vargas:
- Shodashamsha (D16) – zeigt den Zustand des Manas und die verschiedenen Ausdrucksformen des Geistes
- Vimshamsha (D20) – zeigt Spiritualität und innere Ausrichtung
- Siddhamsha (D24) – zeigt höhere Entwicklung durch Lernen und innere Reifung
- Nakshatramsha (D27) – zeigt Stärke und Schwäche des Geistes, innere Belastbarkeit und Verwundbarkeit
Diese Kosha ist besonders wichtig, wenn man verstehen möchte, weshalb zwei Menschen ähnliche äußere Umstände erleben, innerlich aber völlig unterschiedlich damit umgehen. Die Manomaya Kosha bestimmt die seelisch-mentale Verarbeitung des Lebens.
Pranamaya Kosha – die Hülle der Lebensenergie
Die Pranamaya Kosha ist die Hülle der Lebensenergie. Sie wirkt tiefer als der bewusste Verstand und steht mit dem energetischen und unterbewussten Bereich des Menschen in Verbindung.
Hier befinden sich Kräfte, Impulse, Spannungen und unbewusste Muster, die auf das Leben einwirken, oft noch bevor der bewusste Geist sie vollständig erkennt. Diese Ebene ist mit dem Fluss von Prana verbunden und mit jenen Kräften, die unser inneres Reagieren und unsere energetische Verfassung prägen.
Mit dieser Kosha wird vor allem die Trimshamsha (D30) verbunden. Sie zeigt die dunkleren Seiten der Persönlichkeit, verborgene Schwächen, belastende karmische Muster und das, was in manchen Lehren als Papa Purusha bezeichnet wird.
Die D30 kann deshalb Hinweise darauf geben, wo innere Verletzlichkeit, Angst, Schattenseiten oder zerstörerische Tendenzen liegen. Gleichzeitig hilft sie zu erkennen, wo Reinigung, Bewusstwerdung und Transformation notwendig sind.
Vigyanamaya Kosha – die Hülle des Wissens
Die Vigyanamaya Kosha ist die Hülle des Wissens, der höheren Erkenntnis und des tieferen Verstehens. Sie steht nicht nur für intellektuelles Lernen, sondern für jenes Wissen, das aus einer tieferen karmischen und seelischen Kontinuität stammt.
Hier geht es um höhere Zusammenhänge, um tiefes inneres Verstehen und um jene Ebene, die mit dem bleibenden Wissen der Seele verbunden ist.
Mit der Vigyanamaya Kosha werden folgende Vargas verbunden:
- Khavedamsha (D40)
- Akshavedamsha (D45)
Diese beiden Vargas stehen in Verbindung mit hohem Karma, mit Ahnenkarma und mit Kräften, die aus der väterlichen und mütterlichen Linie stammen. In manchen Traditionen werden sie mit Shiva und Parvati, mit dem himmlischen Vater und der erdverbundenen Mutter, in Beziehung gesetzt.
Die D40 und D45 zeigen deshalb nicht nur persönliche Themen, sondern auch jene tieferen karmischen Strukturen, die über den einzelnen Menschen hinausgehen und aus dem größeren Strom der Abstammung und des geistigen Erbes stammen.
Anandamaya Kosha – die Hülle der Glückseligkeit
Die Anandamaya Kosha ist die tiefste und feinste Hülle. Sie ist mit göttlicher Glückseligkeit, innerem Frieden und der Erfahrung einer höheren Wirklichkeit verbunden.
Diese Ebene liegt jenseits des gewöhnlichen Denkens. Sie ist die Hülle, die der Seele am nächsten ist und daher mit sehr tiefem Karma in Verbindung steht.
Mit der Anandamaya Kosha wird die Shashtiamsha (D60) verbunden. Diese Varga gilt im Dschjotisch als eine der wichtigsten Karten für tiefes Karma und für die Spuren früherer Verkörperungen.
Die D60 zeigt Karma, das sehr tief in der Seele verankert ist. Oft wird gesagt, dass es sich dabei um Karma aus früheren Leben als menschliches Wesen handelt. Doch man sollte dabei vorsichtig formulieren: Früheres Leben bedeutet nicht zwingend immer nur eine menschliche Geburt. Entscheidend ist, dass hier sehr altes und tiefes Karma sichtbar wird, das die heutige Inkarnation maßgeblich beeinflusst.
Warum sind die Koshas so wichtig?
Die Lehre von den Koshas ist so bedeutsam, weil sie hilft zu verstehen, wo Karma gespeichert ist und wie es nach dem Tod weiterwirkt.
Es gibt verschiedene Arten von Karma. In diesem Zusammenhang werden häufig drei Formen genannt:
- Sharirika Karma – Karma des Körpers
- Manasika Karma – Karma des Geistes
- Vachika Karma – Karma, das mit Ausdruck, Schwingung und tiefer seelischer Prägung verbunden ist
Wenn der Mensch stirbt und den physischen Körper verlässt, wird die körperliche Karma-Ebene verbrannt. Das bedeutet: Die Annamaya Kosha vergeht. Der grobstoffliche Körper bleibt nicht bestehen.
Doch nicht alle Hüllen lösen sich sofort in gleicher Weise auf.
Was geschieht nach dem Tod mit den Koshas?
Nach dem Tod folgen die Manomaya Kosha und die Pranamaya Kosha noch bis zu einem bestimmten Punkt weiter. In den traditionellen Lehren heißt es, dass dann Rudra Maheshwara erscheint und diese Ebenen voneinander trennt.
Es gibt im Dschjotisch bestimmte Regeln, nach denen der persönliche Maheshwara in der Geburtskarte berechnet werden kann. Diese Regeln gehören zu einem tieferen und fortgeschrittenen Bereich der Lehre.
Wenn dieser Trennungsprozess stattfindet, lösen sich die mentale und die energetische Hülle auf. Damit wird auch das Karma des Geistes verbrannt. Die psychischen und unterbewussten Anteile, die zur vergänglichen Individualität gehören, bleiben nicht in ihrer bisherigen Form bestehen.
Anders verhält es sich mit der Vigyanamaya Kosha und der Anandamaya Kosha.
Welche Koshas bleiben mit der Seele verbunden?
Die Hüllen des höheren Wissens und der göttlichen Glückseligkeit bleiben mit der Seele verbunden. Das bedeutet: Wissen bleibt bei der Seele.
Gerade deshalb geht in der vedischen Sicht nicht alles nach dem Tod verloren. Die Seele trägt jene tieferen Erkenntnisse, Prägungen und karmischen Eindrücke weiter, die nicht zur groben oder vergänglichen Ebene gehören.
Das erklärt, warum manche Fähigkeiten, Neigungen, innere Überzeugungen oder tief sitzende karmische Tendenzen von Geburt zu Geburt weitergetragen werden können. Es handelt sich nicht einfach um Erinnerungen des Gehirns, sondern um Eindrücke, die auf einer tieferen Ebene der Seele gespeichert bleiben.
Diese Form des Karmas wird als Dridha Karma bezeichnet – festes, unbewegliches oder nur schwer veränderbares Karma. Dieses Karma wird nach dem Tod nicht verbrannt. Es bleibt bestehen und drängt die Seele in eine neue Geburt.
Die Rolle von Vayu und Akasha
Die feinsten Tattwas sind Vayu und Akasha, also Luft und Äther beziehungsweise Raum. Diese beiden Tattwas stehen mit den subtilsten Ebenen des Daseins in Verbindung.
Sie regieren die Vigyanamaya Kosha und die Anandamaya Kosha. Weil diese Ebenen so fein sind, werden sie nicht auf dieselbe Weise zerstört wie die groberen Hüllen. Genau deshalb tragen sie die tieferen karmischen Eindrücke weiter.
So wird verständlich, warum die Seele nach dem Tod nicht vollkommen leer ist. Sie trägt weiterhin jene feinen Spuren in sich, die aus Wissen, Erkenntnis, karmischer Reife und tiefen Bindungen bestehen. Diese feinstofflichen Ebenen sind es, die die Seele weiter in Richtung einer neuen Verkörperung führen.
Fazit
Die Lehre von den fünf Koshas zeigt, dass der Mensch auf mehreren Ebenen existiert. Er ist nicht nur Körper, sondern auch Geist, Energie, Wissen und göttliche Essenz. Jede dieser Ebenen hat ihre eigene Bedeutung im Leben und im Karma.
Im Dschjotisch helfen die Vargas dabei, diese unterschiedlichen Ebenen sichtbar zu machen. Manche Karten zeigen die äußere, körperliche und praktische Ebene des Lebens. Andere offenbaren mentale Muster, energetische Belastungen, Ahnenkarma oder tiefes Karma aus früheren Verkörperungen.
Wer die Koshas versteht, erkennt, dass nicht alles mit dem physischen Tod endet. Die groben Ebenen vergehen, doch die feineren Hüllen bleiben mit der Seele verbunden. Besonders die Hüllen von Wissen und Glückseligkeit tragen jene karmischen Eindrücke weiter, die eine neue Geburt vorbereiten.
Damit wird deutlich: Die Reise der Seele ist größer als ein einziges Leben. Und genau deshalb ist das Verständnis von Tattwas und Koshas so zentral für ein tieferes Verständnis von Karma und Dschjotisch.










